ARCHIV
Kanzelreden
Kanzelrede von Monika Otterbach
Kanzelrede von Monika Otterbach am Sonntag, den 22.Mai 2022
Die Ev. Kirchengemeinde Hilgenroth lädt nicht ordinierte Personen aus Politik und Gesellschaft ein, um in einem Gottesdienst eine Kanzelrede zu halten. Die Kanzelrede von Monika Otterbach können Sie hier nachlesen.
Warum ich beim Glauben geblieben bin – Psalm 91
Liebe Gemeinde, über was soll ich reden?
Mit dieser Frage beschäftigte ich mich, nachdem ich angesprochen wurde, ob ich eine Kanzelrede halten würde.
Es wurde mir völlig frei gestellt, welches Thema ich wählen möchte, keine Vorgabe von Predigttext, Bibelwort oder Sonstigem.
„Worüber haben die Ortsbürgermeister vor mir in der Kanzelrede gesprochen?“ fragte ich.
Zwei haben erzählt, wie sie zum Glauben gefunden haben, eine hat ihren Konfirmationsspruch zum Thema gewählt.
Diesen Hinweis habe ich aufgegriffen und versuche beides, meinen Konfirmationsspruch und warum ich beim Glauben geblieben bin, zu vereinen.
Das Wirken Gottes in meinem Leben konkret zu deuten, ist nicht leicht. Ängste und Zweifel gehören zu einem lebendigen Glauben. Höhen und Tiefen gehören zu unseren lebendigen Beziehungen, zu unseren Menschenbeziehungen und auch zu unserer Gottesbeziehung.
Für die Jünger damals war es und für uns heute ist es oft so schwer zu verstehen, dass schwere und stürmische Zeiten, die unruhige See und bedrohlicher Gegenwind die Gegenwart und die Macht Gottes nicht in Frage stellen.
Und auch wenn Spuren von Gottes Liebe und Zuwendung unser Leben durchziehen und prägen, es bleibt immer wieder schmerzliche Erfahrung.
Unsere Herzen leiden an Zweifeln, an Ängsten und dem Gefühl vermeintlicher Gottverlassenheit. Die Erfahrungen von Unrecht, Ignoranz, von Bosheit und Feindseligkeit bedrücken und bedrängen.
Wir Menschen kennen das Gefühl von Gott und der Welt unverstanden, verraten und verlassen zu sein. Wir kennen diese Wut im Bauch, die Angst und das Verletzt sein, das Misstrauen und die Feindseligkeit.
Gottes Licht und Gottes Wahrheit sind so etwas wie eine Brille vor unseren Augen, uns den Blick für die Achtung voreinander, für ein friedliches Miteinander, für Respekt und Achtung vor Gegnern und Andersdenkenden zu schärfen. Denn meine eigene Würde als Mensch zu wahren und zu verteidigen gelingt nur, wenn auch die Würde des Anderen gewahrt bleibt. Niemand steht so fest im Glauben, dass er oder sie nicht auch wanken würden. Vor allem der Anblick oder die Erfahrung von Leiden bringen uns die drängenden Fragen:
Gibt es Gott?
Und wenn es Gott gibt, wie kann Gott das zulassen?
Natürlich hadern wir. Und wir spüren auch den Stachel, der uns immer wieder anbohrt. Manchmal braucht es Mut, sich auf die Suche nach einem Weg zur Gotteserfahrung zu machen.
Dieser Weg aber lohnt sich, denn erfahrener und gelebter Glaube gibt unserem Leben eine Tiefe, die nicht käuflich ist. Es geht um Halt und Orientierung in diesem Leben und weit darüber hinaus.
Wie sehr wir Schutz brauchen, ist zuzeiten besonders deutlich.
Nicht vergessen kann ich den Winter, in dem das Dach einer Eissporthalle einstürzte, Menschen starben, die meisten von ihnen waren Kinder. Das ist furchtbar, das hat keinen von uns unberührt gelassen. Kinder, die sich in den Ferien mit Freunden, Eltern, Geschwistern einen schönen Tag beim Schlittschuhlaufen machen wollten.
Wie kann Gott so etwas zulassen?
Doch können wir Gott verantwortlich machen, wenn Menschen versagen? Ja, ist es überhaupt sinnvoll, ständig zu fragen: Wer war schuld?
Niemand verursacht doch ein solches Unglück mit Absicht. Wir können nur daraus lernen, dass es notwendig ist, Gebäude regelmäßig zu kontrollieren, zu warten. Und diejenigen, die so oft schimpfen, in Deutschland gäbe es viel zu viele Vorschriften, sollten auch schauen, dass es manchmal gut ist, wenn genau geregelt wird, was beim Bauen erlaubt ist und was nicht.
Ich denke an die Flüchtlinge dieser Welt. So unendlich viele gibt es, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie aufgrund von Gewalt, Hunger oder Umweltzerstörung keinen lebensfähigen Raum mehr haben. Von vielen Flüchtlingen ist zu hören:
Nur weg aus der Heimat, an einen Ort, an dem es sich sicher leben lässt. Heraus aus Angst um mein Leben, um das meiner Kinder. Die Hoffnung, irgendwo sicher leben zu können.
Es gibt unendlich viele Geschichten von Menschen, die verzweifelt versuchen mit Booten Europa zu erreichen. Nur weg aus Afrika aus Elend und Perspektivlosigkeit. Nur weg aus der Ukraine wo ein furchtbarer Krieg wütet.
Wieder die Frage: Wie kann Gott das zulassen?
Ja, Gott kann fremd werden, es mag sein, dass wir zweifeln. Und doch erfahren Menschen so wie ich, immer wieder, dass sie gerade im Leiden von Gott gehalten sind. Gott will das Gute für die Menschen. Und wo auch Gott Leid nicht verhindern kann, dürfen wir glauben, dass Gott uns beisteht. Denen, die um ihre Toten weinen, denen die verletzt sind, den Helfern, die mit dem Erlebten fertig werden müssen.
Ich betrachte Deutschland, vielleicht auch Westeuropa als meine Heimat.
Deutschland geht es- trotz Pandemie- gerade im internationalen Vergleich gut. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor niedrig, die Wirtschaft läuft und das Sozialsystem funktioniert. Mit Milliardensummen hat der Staat Hilfspakete geschnürt, um den Menschen zu helfen.
Ich bin so dankbar hier leben zu dürfen, es ist ein Privileg. Ich liebe die unterschiedlichen Landschaften. Ich schätze die Kultur. Ich kenne die Geschichte.
Hier gibt es das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit –ein hohes Gut-. In vielen Ländern gibt es solche Rechte nicht.
Hier bin ich verwurzelt. Hier weiß ich, wie die Menschen „ticken“. Ich lebe gerne in unserer Gemeinde. Wir haben die Kirche im Dorf, worüber ich sehr froh bin. Hier sind in der kirchlichen und politischen Gemeinde die Menschen mit den verschiedensten Gaben am Werk.
Ich habe erfahren, wie wichtig es ist, dass die unterschiedlichen Gaben zum Tragen kommen können. Entscheidend für die Gemeinschaft soll sein, dass dadurch ein solidarisches Miteinander entsteht im Respekt vor dem, was der oder die andere leistet.
Vor allem leben hier die Menschen, die ich liebe meine Kinder, die erweiterte Familie, Freundinnen und Freunde.
Das Leben ist kein ruhiger Fluss, es gibt Höhen und Tiefen. Das macht das Leben ja lebenswert, spannend, lebendig.
Schwere Erfahrungen lassen die Menschen auch reifen. Wer glaubt, kann der Tatsache ins Gesicht sehen, dass die uns geschenkte Zeit begrenzt ist.
Das verändert den Blick auf das Leben, macht es bewusster, wie verletzlich es ist.
Eine wunderbare Erfahrung in meinem Leben ist die Geburt meiner Kinder und Enkelkinder. Es stimmt schon, eine Schwangerschaft ist das Normalste von der Welt. Aber trotzdem bleibt sie ein Wunder. Dass ein Mensch in einem Menschen heranwächst, sich Schritt für Schritt entwickelt, das kann keine Technik der Welt nachmachen.
Was Technik , Medizin und Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten für Fortschritte gemacht haben ist wahrlich gigantisch.
Beim Betrachten von Gottes wunderbarer Schöpfung komme ich nicht aus dem Staunen heraus. Das ist so großartig, überwältigend, einzigartig.
Im Laufe meiner Lebensjahre haben Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut mein Denken und Fühlen besetzt. So manches Mal habe ich gerufen: „hier bin ich, lieber Gott hast du mich übersehen?“
Nein, er hat mich nicht übersehen, er hat gesorgt.
Nicht so wie ich es mir gewünscht hätte, aber er hat auf mich Acht gegeben, er hat wahr genommen, was geschehen ist, wer ich bin, was ich lebe, er hat mir gegeben und gibt mir was ich brauche, er ist nahe.
Ich durfte und darf Freude, Glück und viele positive Momente erleben, tolle, bewundernswerte Menschen treffen. Er schenkt mir Gelassenheit und Heiterkeit, die beste Grundhaltung für ein Leben auf den Flügeln der Hoffnung.
In jedem Fall bedeutet für mich Glauben in der eigenen Lebenspraxis, dass ich manches Mal die notwendige innere Freiheit finden kann, eine himmlische Perspektive sozusagen. Es geht darum, eine Liebe zu den kleinen Dingen des Lebens, das kleine Glück zu entdecken, Dankbarkeit empfinden.
Rückblickend denke ich heute, dass mein Konfirmationsspruch aus dem Jahr 1965 mich in meinem Leben begleitet hat.
Psalm 91:
Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.
Am Ende des Psalms steht die Selbstaufforderung zu innerer Festigkeit, die Dankbarkeit und Gewissheit:
Gott ist meine Hilfe. Er ist bei mir, mitten in meinen Ängsten und Sorgen.
Kanzelrede von Wolfgang Schneider
Kanzelrede von Wolfgang Schneider, ehemaliger Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daaden-Herdorf in der Ev. Kirche Hilgenroth am 05.11.2023
Liebe Gemeinde,
Pfarrer Triebel-Kulpe hat mir den Auftrag des Presbyteriums der Kirchengemeinde Hilgenroth angetragen, eine Kanzelrede zu halten und ich könnte dabei das Thema und auch den Ort selbst bestimmen. Dem bin ich selbstverständlich sehr gerne gefolgt und dafür – was liegt näher – habe ich die ev. Kirche in Hilgenroth ausgewählt, mit der mich seit der Kinder- und Jugendzeit viele Begegnungen und persönliche Ereignisse bis heute verbinden.
Dafür herzlichen Dank an Pfarrer Triebel-Kulpe und das Presbyterium. Diese Stelle, von der aus ich nun zu Ihnen spreche, ist mir nicht ganz unbekannt, durfte ich schon früh – noch vor meiner Konfirmation – von hier aus vereinzelt Lesungen aus der Bibel zu unterschiedlichen Anlässen vornehmen.
Aber nun zum eigentlichen Inhalt der Rede:
In 7 Wochen ist Weihnachten, das Fest der Liebe, des Friedens, der Hoffnung und der Zuversicht. Unser schönstes Fest bringt immer wieder Licht in die dunkelste Zeit des Jahres. Und es soll nicht nur äußerlich hell und warm werden, sondern auch in den Herzen der Menschen. Denn dann verliert das Böse an Kraft und das Gute gewinnt durch die Liebe der Menschen zueinander. Berührende Momente des Glücks, der Freude und Zufriedenheit entstehen. Und in uns allen wird der Wunsch nach Frieden in der Familie, im Umfeld, ja auf der Erde insgesamt wach. Das uralte auch in der uns umgebenden Natur verwurzelte Gesetz „Wie innen, so außen“ hat nichts von seiner Bedeutung eingebüßt – möglicherweise wird es uns nun wieder bewußter! Gerade in der Natur, der Grundlage unseres Lebens, finden wir diese Lebenserkenntnis in einer unendlichen Vielfalt tagtäglich bestätigt.
Aber jetzt als schmerzlicher Kontrast zur bitteren Realität: Die Geschehnisse in der Ukraine seit dem 24.02.2022, im Nahen Osten seit dem 07.10.2023 (vor 4 Wochen) und ich nehme ergänzend die Terroranschläge mit den gelenkten Flugzeugabstürzen am 11.09.2001 in Amerika hinzu = 3 x brach eine Gegenwelt
mörderischer und barbarischer Gewalt in den Alltag von Menschen ein, die Tausende das Leben kostete und bei Millionen Gefühle elementarer Bedrohung erzeugte ! Man fand sich plötzlich in einer ganz anderen Lebenswelt wieder – erschreckt, verunsichert, beängstigt, besorgt und zudem auch überrascht. Wir müssen leidvoll erkennen, das wir keine „heile Welt“ haben. Und rückblickend in die Menschheitsgeschichte hat es dies wohl auch nie gegeben. Nur die Dramatik und das Ausmaß haben in unserer heutigen schnelllebigen und hochtechnologisierten, ja wie in einem Hamsterrad sich drehenden Welt eine ganz andere Dimension mit ungeheurem und eigentlich auch unvorstellbarem Gefährdungspotential erreicht!
Die immerwährende Frage „Warum nur und was treibt die Menschen in der heute eigentlich zivilisierten Gesellschaft zu solchen Konflikten und grauenvollen Taten an?“ sucht weiter nach aufklärenden, hilfreichen und zukunftsweisenden Antworten. Was aber mögen die Ursachen, die Beweggründe für so ein
abscheuliches, barbarisches, menschenverachtendes Handeln sein? Unbändiges Machtstreben der Herrschenden etwa?
Ausdehnung und Stärkung von Macht und Einfluss auf der geostrategischen und geopolitischen Weltkarte bis hin zu einer Neuordnung der Weltmächte? Bleibt die Demokratie als die Herrschaftsform mit der Freiheit des Volkes und der Gewährleistung der Menschenrechte als zentralem Anker bestehen oder nehmen Diktatur (Autokratie) mit der Unfreiheit, der Unterdrückung des Volkes, der Missachtung der Menschenrechte weiter zu? Wieso etwa ist völliges Ignorieren und Durchbrechen der oftmals weltweit gemeinsam gesetzten „regelbasierten internationalen Ordnung für ein friedvolles menschliches Zusammenleben“ möglich? – Und das einfach nach Beliebigkeit und Nutzen des jeweils Herrschenden.
Strategische Verbreitung von Fake News, Lügen und Unwahrheiten über die Steuerung der modernen Medieninstrumente, die Menschenmassen aufrühren, lenken und in Wallung bringen usw..?
Was sind das für Menschen, die solches betreiben und an den Schalthebeln der Macht sitzen? Wie ticken sie und was treibt sie
möglicherweise an?
Machthunger, Gier, Profilneurose, verletzte Eitelkeit, Gewissenlosigkeit, keine Ader für menschliches Leid, kein Verständnis und keine innere Balance für ein gemeinsames Miteinander ….??? = mit der bitteren Erkenntnis daraus nehmen wir wahr: „Wie innen – so außen“.
Nach intensivem Lesen der Bibel, zu Geschehnissen um Jerusalem, Juda, Babylonien vor rd. 2500 Jahren, die zwar anders, aber in gewisser Weise der heute bestehenden Lage in Nahost ähneln, führte mich dies zum Propheten Jeremia und damit zum Leitgedanken meiner Kanzelrede:
„Suchet der Stadt Bestes … denn wenn’s ihr wohlergeht, so geht’s auch euch wohl“ – diese Worte sind ein kleiner Ausschnitt aus einem berühmt gewordenen Brief, den der Prophet Jeremia aus Jerusalem vor mehr als 2500 Jahren an Leute geschrieben hat, die es schwer getroffen hat. Es geht dabei um den Durchbruch durch eine gewohnte und vertraute Sichtweise und die Eröffnung einer ganz neuen Perspektive.
Was war geschehen?
Jahre zuvor hatte die Großmacht Babylon durch die Truppen Nebukadnezars das kleine Juda besiegt und Jerusalem mit seinem Tempel zerstört. Die Bewohner wurden aus der Heimat, aus dem Land der Väter und Mütter, ja aus dem von Gott seinem Volk gegebenen Land weggeführt nach Babylon.
Sie waren heimatlos und orientierungslos. Sie fühlten sich verlassen von Gott, der es so weit hatte kommen lassen. Sie waren voller Trauer. Und nicht nur Trauer war da, auch Wut, die von Hasspredigern angestachelt wurde.
In diese Situation hinein schreibt Jeremia seinen Brief an diese Leute in Babylon, ganz seelsorgerlich bemüht, sie davor zu bewahren, dass sie in Trauer und Resignation verfallen und darin bitter werden, dass sie sich verrennen in Hass und darüber das Leben und die Zukunft versäumen.
Jeremia, der Seelsorger, der Prophet, der selbst so viel hat leiden müssen; gerade er vermag zu verstehen und zu raten. Und er tut’s als Prophet in der Autorität Gottes: Ermutigend, aufrichtend und Zukunft eröffnend.
Jeremia tröstet die Leute nicht damit, dass bald alles wieder gut werde und sie in die Heimat zurückkehren könnten. Im Gegenteil:
Er fordert sie auf, sich in der Fremde – im Exil – einzurichten und dort heimisch zu werden.
Nicht am Alten hängen bleiben, sondern sich auf das Neue einstellen. Die Zeit, eine lange Zeit im Exil, sollen sie nützen, aktiv gestalten, sogar um das Wohl des fremden Landes sollen sie besorgt sein, das ihnen für mehrere Generationen Heimat werden soll. Häuser sollen sie sich bauen, Gärten anlegen, Familien gründen und sogar für ihre Unterdrücker und Feinde beten.
Das Exil ist Gottes Gericht und es ist ein Teil in Gottes Plan mit seinem Volk.
„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlergeht, so geht’s auch euch wohl“ – so zugleich der wichtige seelsorgerliche und politische Rat Jeremias in Kapitel 29, Vers 7.
Seelsorgerlich, weil so den Leuten gesagt wird: Ihr könnt beten – auch fern vom Tempel, auch im Heidenland, weil der Gott Israels auch da ist. Wo ihr Ihn so fern wähnt, ist Er gegenwärtig, ist Er der Herr.
Und politisch ist der Rat, weil Jeremia so die Leute aus ihrer Trauer und aus ihrem Schmollwinkel herausholt und ihnen sagt: Ihr habt Verantwortung für das Land und die Stadt, in denen ihr lebt.
Entfaltet Aktivitäten, die dem Volk Gottes angemessen sind; ihr seid verantwortlich – nicht nur für das Seelenheil der Menschen, für die Mission unter den Heiden, für das Zeugnis eures Glaubens, sondern auch für die Politik, auch und sogar in dem Land, dessen heidnische Truppen den Tempel zerstört und so das Volk Gottes in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt haben. Denn – und das ist nachvollziehbar – wenn es der Gesamtgesellschaft gut geht, geht es auch dem Volk Gottes darin gut, besonders wenn es aufhört, seine Trauer zu pflegen und sich Hassgefühlen gegen die Siegermacht hinzugeben.
Was erwartet uns nun – wie soll es nun für uns weitergehen?
Beim Blick nach vorn, aus der Gegenwart mit den vor uns liegenden Aufgaben in die Zukunft, geben uns 2 Weisungen in dem
Brief des Propheten Jeremia Orientierung. Die eine lautet: Der Stadt Bestes suchen und für sie beten Immer, wenn die Menschen eines Gemeinwesens fähig und bereit sind, an das Ganze ihrer Gemeinschaft zu denken, – wenn sie eigene Interessen, – wenn sie Parteiinteressen, – wenn sie ideologische Interessen,
– ja sogar, wenn sie enge konfessionelle Interessen zurückstellen können, dies auch bei all ihren Entscheidungen berücksichtigen und dann auch so handeln, dann gedeiht eine Gemeinde, dann blüht eine Region. „In ihrem Wohl liegt euer Wohl“ – so beschreibt Jeremia die tieferen Beziehungen zwischen der Gemeinde, der Stadt, und ihren Bürgerinnen und Bürgern. Und diese Gemeinschaft wird auch in Zukunft stabil sein, wenn hier der enge Zusammenhang zwischen öffentlichem und privatem Wohl immer gesehen wird, immer bewußt und immer beachtet bleibt !
Und die andere lautet:
„Laßt euch nicht täuschen von falschen Propheten, die unter euch sind und von euren Wahrsagern. Hört nicht die Träume, die sie
träumen.“ Es ist zwar gut, dass wir uns gelegentlich aus der nüchternen Welt des Alltags in die Welt schöner Träume erheben können.
Unsere Seele braucht solche Aufschwünge in die Höhe. Aber es ist nicht gut, sich nur in Illusionen zu wiegen und dabei das reale Leben zu verschlafen. Gewarnt werden wir vor allen politischen Gauklern und Kriminellen, die uns vormachen wollen, wir könnten uns um harte, ehrliche Arbeit drücken und irgendwie in ein bequemes Leben des Wohlstandes und trügerischer Lebenserwartungen hineinmogeln. Das ist nie gut gegangen und das wird niemals gut gehen!
Wir leben hier in der Kirchengemeinde Hilgenroth, wir arbeiten in dieser Region, wir erfahren die Fülle und den Reichtum unseres Lebens, aber auch die Krankheit, den Tod und den Verlust von Menschen und Dingen, die uns wichtig sind. Kein Leben ist erlebbar ohne Höhen und Tiefen. In diese Dynamik
unseres Lebens von Werden und Vergehen, von Gelingen und Versagen sind auch unsere Gemeinden in der Kirchengemeinde Hilgenroth als ein soziales Gebilde mit hinein genommen. Das Wort Gottes „Suchet der Stadt Bestes“ wird so zu einem Wort an uns.
Der Schriftsteller Thomas Mann, gestorben in dem Jahr, in dem ich als Kind das Licht der Welt erblickt habe, hat seine Zuhörer in einer Festansprache mit dem merkwürdigen Titel „Die Stadt als geistige Lebensform“ überrascht. Er hat mit seinen Ausführungen dargelegt, inwieweit gerade seine Stadt sein Werk, sein Handeln, sein Leben bewusst oder unbewusst beeinflusst hat. Diesen merkwürdig klingenden, aber faszinierenden Gedanken aufgreifend, frage ich uns: Die Gemeinden in der Kirchengemeinde Hilgenroth als geistige Lebensform, was könnte das sein?
Was macht für uns dieses Stück Land zu einer geistigen Lebensform? Inwieweit prägen unsere Gemeinden, unsere Kirchengemeinde Hilgenroth, unser eigenes Leben, unsere ganz persönlichen Vorstellungen von Werten, von Orientierungen, von Sinn und Glück mit? Was macht unsere Region eigentlich lebenswert, ja liebenswert?
Liebe Gemeinde,
unser Zusammenleben ist bestimmt durch 3 benennenswerte Lebensräume:
– den privaten Bereich, in dem wir alle in unseren eigenen vier Wänden zu Hause sind, und wir vor allem dort in unseren Familien unsere Heimat haben.
– die Gemeinschaft mit anderen, wo wir unser „privates Zuhause“ ein stückweit öffnen und wo wir uns in Freund- und Nachbarschaften, in Vereinen und Organisationen in unserer Freizeit einbringen. Hier erweitern wir unser Leben auf andere Menschen hin – schlüpfen aus dem vertrauten Zuhause.
– und die Öffentlichkeit mit all ihren Einrichtungen, die wir erleben, die wir brauchen und die wir nutzen. Wir gehen zur Arbeit in den Betrieb, wir brauchen kommunalpolitische Verantwortungsträger, eine Verwaltung, Geschäfte, um einkaufen zu können. Wir sind auf Kindergärten und Schulen angewiesen, auf Straßen und Orte, die ein Zusammenleben über unsere engeren Lebensräume hinaus möglich machen, wo sich zudem auch die Freizeit durch Sport oder
kulturelle Möglichkeiten vielfältig gestalten lässt.
All das gehört zum Gefühl von „Heimat“, von „Daheimsein“ dazu. Ich denke, dass wir in unseren Gemeinden viel finden, was mit dieser „geistigen Lebensform“ gemeint sein könnte; Etwas, was Sinn stiftet, was dem Alltag seinen Wert gibt, was dazu beiträgt, die Orte in einem ganz aufgeschlossenen Sinne zu verstehen
„Suchet der Stadt Bestes ..“
Eine „geistige Lebensform“ bleibt immer ein Auftrag, sie kann nie zu Ende kommen und will in allen Bereichen des Zusammenlebens erlebt werden. Wir alle haben also von Gott her den Auftrag, „das Beste zu suchen“. Das Beste geht über eine gesunde Wirtschaft, über Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten hinaus.
Es ist der Geist, der unser Zusammenleben bestimmt.
Hierzu gehört auch das Wahrnehmen politischer Verantwortung für unsere Gemeinden, die Bereitschaft, sich zur Verfügung zu stellen zur Mitwirkung in den demokratischen Strukturen, denen wir so unendlich viel verdanken. Wir leben in einer Zeit, in der spürbar ist, dass die gewohnten Wohltaten durch die Politik mit dem Verteilen des Geldes anderer Leute nicht mehr gehen, weil das Land auf Generationen verschuldet ist. Wir leben in einer Zeit, in der spürbar ist, dass die Epoche des unaufhaltsamen Wachstums – die Phase des Immer-mehr-haben-Wollens und Bekommens – viel zu schnell verlaufen ist und ihre Grenzen erreicht, ja überschritten hat.
Das über Jahrzehnte den Wohlstand geschaffene Wachstum hat auch dazu geführt, dass Ansprüche, Erwartungen, Wünsche jedes einzelnen in unserer Gesellschaft ständig höher und ständig mehr geworden sind.
Hat bei dieser Entwicklung, so schön und wichtig sie ist, der materielle Wert nicht viel zu viel Bedeutung erhalten und sind nicht Bescheidenheit, Zusammengehörigkeit, Füreinandereinstehen dabei in den Hintergrund geraten?
Ist es nicht so, dass sich die Verhältnisse, die Umstände um uns herum ständig verändern, ja ständig fortentwickeln? Und gibt uns nicht gerade hier die Natur, die im ständigen Prozeß von Säen und Ernten steht, eine sehr nützliche Anleitung?
Was der Mensch sät, das wird er auch ernten.
Das ist viel weniger ein Fluch als ein Segen.
Was können wir also tun – was können wir dagegen stellen?
Im beschränkten örtlichen Wirkungskreis bleibt eigentlich nur persönliche Integrität, ja ich wähle sogar den inzwischen altmodisch gewordenen Begriff des Anstandes, Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität, aber auch Vernunft und Augenmaß. Das können wir nur erreichen, wenn wir mit uns selbst im Einklang stehen. Der Friede beginnt in jedem Menschen selbst. Frieden nach außen, in der Beziehung der Menschen zueinander, ja auch der Staaten und Völker, setzt voraus, dass wir mit uns selbst – jeder Einzelne tief in seinem Innersten – in Zufriedenheit, Harmonie und Liebe leben.
„Wie innen, so außen“.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie“ – wir klagen oft über die Politiker. Wir schimpfen auch schon einmal. Wir nörgeln gern an ihren Entscheidungen und wissen es gern besser als sie. Aber – Hand aufs Herz – haben wir auch schon einmal für sie gebetet? Rechnen wir mit Gottes Gegenwart und Wirken auch in den Bereichen der Politik? Oder versuchen wir, unseren Glauben von der Politik zu trennen und Gott auszuklammern von der Wirklichkeit politischen Lebens? Ist Gott da etwa nicht zuständig und nicht der Herr?
Wir werden deshalb gemahnt, mehr füreinander zu beten und so vor Gott füreinander einzustehen.
Beten, ja beten, macht Menschen friedfertiger, sanftmütiger, verständnisvoller, zugänglicher; ja beten stimmt sie milder. Im Gebet höre ich auf, der Welt gleichgültig gegenüberzustehen – und darum gehört das Gebet als geistige Lebensform in unser Zusammenleben hinein, weil das Gebet der Geist ist, auf den es in einer Gemeinschaft ankommt.
Erst beten – schon verändert sich die Gesprächsebene, die Haltung zu dem Menschen, der uns gegenübersteht – und dann reden! Auch wenn gegenwärtig alle Meldungen, alle Zeitungen und Sendungen voll von Nachrichten der Hoffnungslosigkeit und Zukunftsängste sind, Gott will uns eine Zukunft und eine Hoffnung geben.
Wir wissen: „An Gottes Segen ist alles gelegen“. Darum wenden wir uns an Gott mit der Bitte um seinen Segen für unser Miteinander in allen Bereichen, in die er uns hineingestellt hat.